WORT & PFERD

Meine Stute ist trageerschöpft, lautet mal wieder eine Anfrage, ich soll Handarbeit machen, um sie wieder aufzubauen. Machst du sowas, kannst du das?

Ja, ich kann dir Übungen zeigen, die deinem Pferd helfen, zu einem gesunden Bewegungsmuster zurückzufinden.

Wie lange dauert das dann etwa? ist die Rückfrage des gerne möglichst schnell wieder in den Sattel steigenden Pferdebesitzers.

Und das kann ich nicht beantworten. Denn natürlich hängt die Dauer eines Rehatrainings vom Schweregrad der Trageschwäche des Pferdes ab – aber sie hängt auch davon ab, was wir alles tun müssen, um mit dem Rehatraining beginnen zu können.

Erst kommt die Höflichkeit, dann die Tragkraft.

Das Aufbautraining trageerschöpfter oder aus anderen Gründen bedürftiger Pferde ist letztlich Physiotherapie am Kappzaum. (Zumindest bei mir ist der Kappzaum das Mittel der Wahl.) Physiotherapie ist nicht nur oft unangenehm, weil man Bewegungen ausführen soll, die man lange vermieden hat – sie muss auch ganz spezifisch für das jeweilige Problem durchgeführt werden. Ähnlich anspruchsvoll ist korrektes Rehatraining.

Nicht selten komme ich aber zu Pferden, die die grundlegenden Regeln der Höflichkeit miteinander nicht kennen oder die keine Basiserziehung haben. Zur absoluten Basis zähle ich:

  • Menschen nicht an- oder umrempeln
  • Anhalten, wenn der Mensch anhält
  • Stehenbleiben, solange der Mensch auch steht
  • Die Gerte als Wegweiser und vortreibendes Instrument anerkennen
  • An der Hand vortraben
  • Beim Führen nicht ziehen
  • Sich zumindest rudimentär longieren lassen

… und so weiter.

Sogar Führen ist erstaunlich oft eine Herausforderung.

Kann ein Pferd nicht neben dem Menschen ruhig stehen, können wir mit Übungen wie dem Schwerpunktverlagern nicht anfangen. Schiebt das Pferd mit der Schulter gegen den Menschen und versucht, durch Körperkraft aus schwierigen Übungen zu entkommen, werden wir die feinen Justierungen, die erforderlich sind, nicht durchführen können.

Kommt ein Hufbearbeiter zu deinem Pferd, ist klar, dass dein Pferd die Hufe geben können muss. Möchtest du von einer Rehatrainerin Hilfe für dein Pferd, sollte es trainierbar sein – im Sinne von: Es weiß, wie Mensch und Pferd miteinander umgehen.

Pferdetraining geht nur mit Pferdeausbildung.

Natürlich ist es kein Problem, wenn ein Pferd all das nicht beherrscht (und der Mensch dazu vielleicht auch nicht). Dafür sind Pferdetrainer da – in der Regel sind sie schließlich auch Pferdeausbilder. Aber dann darf ihre Qualität auch nicht daran bemessen werden, wie schnell das Pferd wieder besser aussieht.

Tatsächlich lassen sich manche Muskeln deutlich schneller aufbauen als einem Körperlichkeit gewöhnten Pferd vermittelbar ist, dass die Sprache „Mensch“ nicht aus Drücken und Dagegendrücken besteht.

Luar kennt alle Regeln der Höflichkeit. Sie schlägt eher mal wie hier über die Stränge, weil sie sich in ihre Aufgabe so hineinbegeistert.

Je besser ein Pferd dagegen ausgebildet ist, desto genauer kann man Korrekturen der falschen Bewegungsmuster durchführen. Damit können Dysbalancen schneller bearbeitet und behoben werden.

Der absolute Reha-Traumkandidat ist das Pferd, das an der Hand klassisch oder akademisch ausgebildet wurde. Solche Pferde kennen nicht nur eine ganze Reihe von Touchierpunkten, sondern sind es auch gewöhnt, sich entsprechend der Position und Körperhaltung des Menschen auszurichten. Dann ist es ein Leichtes, zu fragen: Könntest du die innere Hüfte etwas vornehmen in der Bewegung? Danke, so ist es gut. Und jetzt bitte etwas mehr Last auf die äußere Schulter … großartig! Merkst du, wie leicht die Bewegung jetzt wird?

Gegenseitiger Respekt ist nicht nur die Basis jeden Miteinanders – sondern auch die Basis der Pferdegesundheit.

Vor dem Training kommt daher immer die Ausbildung. Das muss nicht bis zu den ausgefeiltesten Dressurlektionen gehen. Wenn dein Pferd an der Hand bereits perfekt piaffiert, wird es vermutlich nicht mehr allzu viel Rehatraining benötigen.

Wenn du aber mit körperlichen Dysbalancen zu tun hast, ist Drücken, Schieben und die Zähne von sich fernhalten Müssen nicht die richtige Basis, und wen auch immer du zu Hilfe holst, wird erst einmal eine gemeinsame Sprache mit dem Pferd etablieren müssen. Eine, die auf gegenseitigem Respekt beruht. Der ist nämlich ohnehin die Basis, um ein gesundes und zufriedenes Pferd zu bekommen – wie dir auch jeder Hufbearbeiter und Tierarzt bestätigen wird.


Bilder: Luar & ich: Fotografia Centauro / Catherine Rocke; Adobe Stock / cynoclub; Adobe Stock / dietwalther


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