Wie mich der SPIEGEL meinen Job kostete oder: Was die neue Jagd auf „Scheinselbstständige“ wirklich bewirkt
Disclaimer: Einiges in diesem Text beruht auf anekdotischer Evidenz. Weil ich es nun mal aus meiner Perspektive erlebe.
Ich, weiblich, 45, war eigentlich immer schon selbstständig. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern eher so eine Sache, in die ich hineingerutscht bin.
Neben dem Studium bereits als Redakteurin auf Stundenbasis bezahlt, blieb ich als „feste Freie“ nach dem Magister im Unternehmen. Irgendwann wechselte ich aus der Multimediaverlagsredaktion (so verrückte Sachen gab es damals) zu einem Karriere-Netzwerk. Wieder Onlineredaktion, dieses Mal mit Key-Account-Betreuung.
Es folgte der Umzug nach Berlin, der Einstieg in ein E-Commerce-Startup. Als feste Freie. Irgendwann stieg ich auf und fest ein, für ein Jahr oder zwei. Wieder auf den Markt kam ich zu einer denkbar ungünstigen Zeit: 2014, als es viel zu viele Bewerber und viel zu wenige Stellen gab (so verrückte Sachen gab es damals). Langer Bewerbungen gar kein Sinn kam ich irgendwann in einem Unternehmen unter – in der Unternehmenskommunikation, als feste Freie.
Warum Selbstständigkeit für beide Seiten Vorteile hat – aber oft auch ausgenutzt wird.

Im Bereich Kommunikation ist Selbstständigkeit seit jeher üblich. Alle Unternehmen, Verlage, Agenturen haben über die überschaubare Anzahl an festangestellten Kommunikator*innen hinaus Arbeit. Diese Arbeit ist aber oft nicht planbar – mal gibt es viel, mal wenig. Eine feste Stelle dafür wäre also nicht sinnvoll. Lieber jemanden, den man dazubuchen und wieder abstoßen kann, wenn man ihn nicht braucht.
Das klingt zynisch, aber so ist es gar nicht gemeint: Wir Selbstständigen profitieren auch davon – sonst wäre niemand selbstständig. Wir können uns unsere Freiheiten auch nehmen, wie wir wollen; das ist kein Privileg des Unternehmens. Sind wir nicht verfügbar, kann das für das Unternehmen, das uns beauftragt, auch eng werden.
Nun gut: Vielleicht ist es ein wenig so zynisch gemeint, wie es klingt. Denn nicht immer liegt der Grund für die Beauftragung freier Mitarbeiter nur in der Volatilität der Arbeitsmenge.
Ein zweiter Grund sind Budgets in der Personalplanung. Hier können einzelne Abteilungen das eigene Unternehmen austricksen: Die Kosten für freie Mitarbeiter stammen nämlich aus einem Projektbudget und laufen nicht über die Lohnbuchhaltung. Damit werden keine wertvollen VZÄ (Vollzeitäquivalente) benötigt, um die intern meist heftig gerungen wird, und man hat trotzdem mehr Arbeitskraft zur Verfügung.
Dem Unternehmen, ob ausgetrickst oder nicht, ist das auch ganz lieb. Denn auch wenn der Stundensatz weit über dem eines Festangestellten liegt, spart es Geld. Es müssen kein Schreibtisch und kein Computer gestellt werden, Weiterbildungen, Benefits und die Einladung zu Firmenfeiern fallen weg, vor allem aber spart sich das Unternehmen den gesamten Block arbeitgeberseitiger Sozialleistungen.
Warum die Mini-GmbH nicht nur teuer und kompliziert ist, sondern letztlich auch keine Lösung

Als ich vor zwanzig Jahren in die Selbstständigkeit startete, machte ich mir keine Gedanken. Vermutlich war das damals auch schon nicht richtig, aber sicher war es noch nicht so dringend wie heutzutage. Ich hatte immer andere Auftraggeber neben meiner „festen freien“ Aufgabe. Heute wäre allein die Bezeichnung „feste Freie“ etwas, das das Sozialgericht auf den Plan ruft.
Als ich dann in das letzte Unternehmen auf freier Basis einstieg und sich – schließlich bin ich vielseitig einsetzbar und außerdem gut in dem, was ich tue – mein Aufgabenbereich Schritt für Schritt vergrößerte, gab es eine (vermeintlich) einfache Lösung. Ich gründete eine Mini-GmbH, Ein-Euro-GmbH oder, korrekt: Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt).
Mit der UG wird der Gründende selbst zum Unternehmen. Er ist also seine eigene Agentur und verleiht sich selbst an die Auftraggeber. Wie viel er durch seine UG an welchen Auftraggeber verliehen wird, ist irrelevant. Oder: War irrelevant. Der Staat schaute nur auf das Unternehmen, das selbstständig auf dem Markt stand, und prüfte nicht durch auf den einzelnen (und oft einzigen) Mitarbeiter. (Beizeiten werde ich mal über den Spaß und die Kosten schreiben, die eine solche UG-Gründung mit sich bringt. „Mini“ steht nämlich nur für das Stammkapital.)
Aber das ist alles andere als zufriedenstellend für den Fiskus. Denn der Solo-Selbstständige, ebenso wie die Unternehmergesellschaft, zahlt keine Arbeitgeberanteile an die Sozialkassen. Das beauftragende Unternehmen auch nicht. Natürlich wird der Selbstständige auch nie viel Geld aus den Sozialkassen erhalten – aber darum geht es hier und heute ja nicht.
(Fun fact am Rande: Als ich das erste Mal von der Scheinselbstständigkeit hörte, wurde mir gesagt: Die Regelung bestehe zum Schutz der Selbstständigen; man wolle die Unternehmen zwingen, Freie anzustellen statt sie auszubeuten. Wer sowas heute hört, wird herzlich lachen.)
Warum der Staat keine Scheinselbstständigen mag – oder eben doch, wenn er sie findet.

Also begann man, immer stärker auch in die UGs hineinzuprüfen. Wie sehr, da scheint der Stand aller Beteiligten bis heute sehr unterschiedlich zu sein: Auch größere Unternehmen laufen oft blind ins Verderben im Glauben, „die UG sei hinreichend sicher“. Sicher – das bedeutet in diesem Fall: Es wird für die freien Mitarbeitenden kein Quasi-Festangestelltenverhältnis attestiert.
Diese Feststellung trifft unter anderem die Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung. Was bei der Prüfung den Freien vom Festangestellten unterscheidet, ist eine lange Reihe von Punkten. Das beginnt beim eigenen vs. Firmen-Laptop, der Nutzung der Firmensignatur unter Mails, bei der Einbindung in Teams und der Teilnahme an Regel-Meetings und endet noch lange nicht bei der Menge und Zahl anderer Auftraggeber. Und es geht nicht darum, dass man möglichst viele Punkte abhakt. Wir sind in Deutschland, wir stehen für Präzision. Es sind doch bitte alle Punkte abzuhaken.
Tut man das, sind viele Aufgaben faktisch nicht mehr an freie Mitarbeitende delegierbar. Reihenweise sind inzwischen die absurden Auswüchse der immer intensiveren Prüfungen zu sehen. Beispielsweise das Wegbrechen von Angeboten, denn Yogastudios, Reitschulen oder Tennisclubs können nicht gleich jeden Trainer fest anstellen, der ein paar Unterrichtsstunden pro Woche in ihren Räumlichkeiten gibt. Beispielsweise das plötzliche Wegbrechen fruchtbarer Geschäftsbeziehungen aus Unsicherheit, was noch erlaubt ist. Beispielsweise hohe Straf- und Sozialabgaben-Nachzahlungen, die so manchen Selbstständigen in den Ruin treiben.
So macht man Selbstständigkeit zunehmend unmöglich – in einem Land, das Unternehmertum und Eigeninitiative fordert.
Das Magazin DER SPIEGEL veröffentlichte Anfang 2025 (Link: siehe unten) in seinem Extra „WORK“ einen Bericht über die – so kann man es schon nennen – Jagd auf Scheinselbstständige. Und der SPIEGEL wird natürlich gelesen; vielleicht nicht von jedem, der Selbstständige beauftragt, aber doch von dem einen oder anderen Geschäftsführer, CEO, CFO, COO oder sonstigem C in einem Unternehmen. Und wenn der oder die Selbstständige, die wie ich seit vielen Jahren und mit viel Herzblut frei gearbeitet hat, kein Glück hat, steigert sich die Nervosität in der Firma rasch von einem leisen Raunen zu schrillem Alarmgeheul.
Aber – und das ist das Gute: Es gibt ja eine Lösung!
Diese Lösung wählen zurzeit viele Unternehmen. Sie wählen sie nicht, weil man das Geld für die freien Mitarbeitenden sparen und die Arbeit problemlos intern erledigen könnte. Das konnte man nicht – deshalb lief ja alles, wie es lief – und man kann es auch jetzt nicht. Aber eine zusätzliche Stelle schaffen? Wir erinnern uns: Da wird ein anderes Konto belastet – eines, das bereits ausgereizt ist. Feste Mitarbeitende sind teuer. Sie sind krank und kosten Geld, sie machen Urlaub und kosten Geld, sie wollen einen eigenen Schreibtisch und einen eigenen Computer haben und – richtig – kosten Geld. Und wenn sie nicht performen, kann man sie noch nicht mal einfach loswerden.
Die Selbstständigen dagegen schon. Selbst wenn sie performen, es aber rechtlich gerade unbequem wird. Keine Kündigungsfrist, nicht mal eine Kündigung – und kein schlechtes Gewissen.
Was die Jagd auf Scheinselbstständigkeit mit den Selbstständigen macht und warum das für alle nicht gut ist.

Vom schlechten Gewissen könnte ich mir ohnehin nichts kaufen; darauf kann ich als Selbstständige also verzichten. Wertschätzung für meine Arbeitsleistung, Loyalität, meinen Einsatz auch bei Zahnschmerz oder Dauerhusten – das wäre dagegen schon mal schön. Auch wenn ich mir davon ebenfalls nichts kaufen kann. Also weg mit der Egozentrik.
Viel wichtiger nämlich ist, was die Drangsalierung der Selbstständigen (hier: im Bereich Medien / Kommunikation) schon heute unter anderem bewirkt.
- Die Mauer zwischen Selbstständigkeit und Festanstellung wird immer unüberwindbarer. Möchte man als Selbstständiger irgendwann fest irgendwo einsteigen, gibt es zahlreiche Vorurteile. Been there, done that.
Sie reichen von „nicht teamfähig“ über „kann mit Anweisungen nicht gut umgehen“ bis zu „die ist es doch gar nicht gewöhnt, mal acht Stunden zu arbeiten“. Beteuerungen genügen nicht, wir brauchen Beweise. Früher war es durchaus üblich, auch als Freier so sehr Teil des Teams zu sein, dass man derartige Vourteile gut widerlegen konnte.
Nun wird man aus Sicherheitsgründen von allen Unternehmensabläufen so weit ferngehalten, dass man nicht nur wichtiges Wissen über die DNA eines Unternehmens nicht mehr erhält (für gute Kommunikation essenziell), sondern tatsächlich zum seltsamen Eigenbrötler verkommen kann. In jedem Fall: Hat man keine Belege für so zentrale Soft Skills. - Die erforderliche Auftragsmenge wird immer schwieriger erreichbar. Auch im Kommunikations-Kolleg*innen-Kreis höre ich immer wieder, wie Selbstständigen große Kunden wegbrechen. Die Unternehmen trauen sich nicht, mehr als Einzelaufträge mal hier, mal da zu verteilen. Damit (und ich weiß, ich mache mir mit dieser Aussage keine Freunde) sinkt die Qualität der kommunikativen Zuarbeit. Um mehr als generisch gute Leistung zu bringen, muss man ein Unternehmen kennen. Seine Menschen, seine Kultur, seine „Identity“. Nur dann gelingen kreative Weiterentwicklungen, die die bisherige Kommunikationslinie vorsichtig etwas dehnen und dabei dennoch den Charakter des Unternehmens wahren. Die braucht man, um im immer heißeren Wettbewerb aufzufallen. Ansonsten: Gibt es halt Happy-Shiny-People-Stockbilder für alle.
- Die Projekte werden immer teurer – für die Selbstständigen. Bei mehr kleinen und häufiger wechselnden Kunden steigen die Kosten für Akquise und Backoffice-Arbeiten. Außerdem muss der Freie sich auf jeden neuen Kunden erneut einarbeiten. Dieser zusätzliche Zeitaufwand wird an den Kunden weitergegeben, der seine Buchungen – früher waren Selbstständige ja auch billiger! – reduziert oder günstigere Alternativen zu finden versucht. Gibt man die Kosten nicht weiter, um Kunden zu halten, gibt es wiederum zwei Möglichkeiten: den Gürtel enger schnallen – oder Burn-out.
- Die Motivation nimmt ab. Und da spreche ich jetzt ganz allein von mir, wenngleich sich mancher Kollege und manche Kollegin vielleicht gehört fühlt. Wenn man seit vielen Jahren immer am Anschlag Leistung brachte – denn so arbeiten sehr viele Selbstständige, aus ihrem Selbstverständnis heraus – um am Ende mit dem Rücken an der Wand zu stehen, weil sich Kunden abwenden und der Staat einen wie einen Verbrecher auf dem Kieker hat: fehlt irgendwann die Lust, sich weiter anzustrengen. Zumal, wenn es – wie in meinem Fall – in gleich zwei völlig unterschiedlichen Berufszweigen zeitgleich so abläuft.
Selbstständigkeit aber funktioniert nur, wenn man sich anstrengt. Dienst nach Vorschrift reicht nicht. Nur dann verdienen wir das Geld, das wir wieder in den Wirtschaftskreislauf einspeisen können. Und von dem wir leben, ganz am Rande.
(Übrigens: Wir müssen in aller Regel auch länger arbeiten als Festangestellte. Das tun viele Selbstständige auch gern. Damit ihnen das große Glück nicht zu Kopf steigt, sieht der Vorschlag der Regierung zur Aktivrente keine Anwendbarkeit auf Selbstständige vor.)
Warum Selbstständigsein doch etwas mit Kriegsursachenforschung zu tun hat.

In einem SPIEGEL-Beitrag von Sascha Lobo steht der schmerzhaft wahre Satz „Selbstständigkeit gilt Teilen der Administration quasi als unseriös, schmarotzerhaft, bekämpfenswert.“ Ist man lange als Freie auf dem Markt, fühlt man das sehr. Aus den Steinen im Weg habe ich schon ein paar Stonehenges gebaut.
Der Artikel dreht sich um das kreative Potenzial des selbstständigen Unternehmertums, um seine Notwendigkeit für ein Land, das international im Digitalisierungswettlauf mitmischen möchte – nein: mitmischen muss. Lobos Forderung lautet, die Politik müsste sich für die Selbstständigen endlich einsetzen, „statt sie als finanzielles Stopfmaterial für die aus Reformmangel immer klamme Rentenkasse zu missbrauchen.“
Doch so hoch muss man das Thema noch nicht mal aufhängen (kann man aber, zu Recht).
Es gibt so viele Gründe, warum Menschen selbstständig arbeiten. Weil es zu wenig Teilzeitjobs gibt, zum Beispiel, und nicht jeder volle 40 Stunden zu festen Uhrzeiten leisten kann. Weil manche kreativen, freiheitsliebenden Menschen nur schwer in starre Prozesse zu pressen sind, wenn sie außergewöhnliche Leistung bringen sollen. Weil manche Berufe nunmal prädestiniert sind für die Soloselbstständigkeit – nicht nur viele Handwerker, sondern beispielsweise auch Berater erfüllen Aufgaben, die gar nicht an ein einziges Unternehmen angebunden werden können. Und so weiter.
„Wir müssen die Einnahmen verbessern“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas und zielte damit auf Menschen wie mich ab.
Ich befasse mich nicht allzu sehr mit der Tagespolitik. Schon im Politikstudium lag mein Schwerpunkt auf Kriegsursachenforschung – das fand ich viel interessanter.
Nun aber befasst sich die Tagespolitik mit mir. Die Folgen habe ich bereits gespürt, spüre sie weiterhin. Dabei wollte ich nie unbedingt selbstständig sein. Ich bin da eher hineingerutscht.
Ich freue mich auf Aufträge – wenn du also gute Kommunikation benötigst … oder erzählen willst von deinen Erfahrungen als Selbstständige*r in diesen Zeiten: Let’s connect!

Nachlese
- Wer was tun will – OpenPetion: Aktivrente auch für Selbstständige
- Einer von vielen lesenswerten Beiträgen von Cathi Bruns – Sheconomy: Selbstständige unter Druck